Wohnungsgesellschaft lässt Stuck zertrümmern

Quwelle Welt Online

Die Zeit, in der Stuck von Berliner Häusern geschlagen wurde, ist eigentlich vorbei. Doch in Schöneberg liegen Mieter mit der kommunale Wohnungsbaugesellschaft in Berlin (WIR) im Rechtsstreit, weil die WIR ein Haus entstucken will. Im April ist Verhandlungsbeginn – aber seit Dienstag wird wieder Stuck abgerissen.

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Als Heinz Jirout aus der Tür des eingerüsteten Mietshauses an der Schöneberger Zietenstraße tritt, fallen keine zwei Meter neben ihm große Brocken Stuck auf den abgesperrten Bürgersteig. Eine riesige Staubwolke umweht Jirout, der fassungslos den Arbeitern auf dem Baugerüst zuschaut, wie sie mit ihren Pressluftmeißeln die letzten noch verbliebenen Stuckteile von der einst prachtvoll verzierten Fassade des um 1900 erbauten Hauses schlagen.

"Das ist eine ganz große Sauerei“, sagt Heinz Jirout. "Mir ist vollkommen unverständlich, wie man mit dem wertvollen kulturellen Erbe so umgehen kann“. Der Zorn des Architekten, der seit 1990 in der Zietenstraße Nummer 15 lebt, richtetet sich gegen den Hauseigentümer: Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft in Berlin (WIR), ein Tochterunternehmen der Gewobag.
Der Ärger der Mieter in den Häusern Zietenstraße 15 und 17 begann im Frühling 2007, als vor den Fenstern der Bewohner ein Baugerüst aufgestellt wurde. "Wir konnten uns nicht erklären, was hier vorgeht“, sagt Heinz Jirout. Als in der benachbarten Schwerinstraße an einem ebenfalls der WIR gehörenden Gebäude die Stuckfassade abgeschlagen wurde, schrillten bei den Mietern in der Zietenstraße die Alarmglocken.

"Damals hatten wir das Gespräch mit der WIR gesucht. Uns wurde erklärt, dass sich die Fassade unseres Hauses in einem irreparabel schlechten Zustand befände“, so Jirout. Da der auf Altbausanierung spezialisierte Architekt die Darstellung der Wohnungsbaugesellschaft anzweifelte, überlegte Jirout zusammen mit den anderen Hausbewohnern, was sie zur Rettung ihrer Fassade unternehmen könnten. Die Mieter entschlossen sich, einen Rechtsanwalt zu beauftragen. Der erwirkte wenig später eine einstweilige Verfügung gegen die Entfernung des Stucks vor dem Amtsgericht Schöneberg. Die WIR wollte diese Entscheidung des Gerichts jedoch nicht anerkennen und legte im August Einspruch gegen das Urteil ein. Im April soll es nun zur Verhandlung vor dem Landgericht kommen.
 
"Seitdem war Stille“, erinnert sich Heinz Jirout. Doch seit zwei Wochen wird am Gerüst wieder gearbeitet. Jirout und die anderen Mieter ahnten nichts Gutes. Als der 46-Jährige am vergangenen Dienstagnachmittag seine Wohnung betrat seien plötzlich die Fenster zugenagelt gewesen "und die Bude war dunkel“, so Jirout. Seitdem meißeln die Bauarbeiter kräftig. Die Fassade ist bereits fast vollständig ihrer Zierde beraubt. "Die wollten vor der Gerichtsverhandlung wohl Tatsachen schaffen“ glaubt der gebürtige Wiener: "Was weg ist, ist weg.“
Dieser Einschätzung widerspricht der Sprecher der Gewobag, Volker Hartig: "Da wir eine Vorwegnahme des Gerichtsverfahrens vermeiden wollten, haben wir zuvor die einzelnen Stuckteile abgeformt, um eine spätere Rekonstruktion zu ermöglichen, falls das Gericht gegen uns entscheiden sollte“. Das Urteil habe jedoch nicht abgewartet werden können, da ein längeres Stehenlassen des Baugerüsts die Wohnqualität der Mieter erheblich gemindert hätte. "Bevor wir das Gerüst abbauen, müssen wir aber die schadhafte Stuckfassade entfernen. Denn die Sicherheit der Mieter und Besucher hat für uns allerhöchste Priorität“, so Hartig. Ein Gutachten habe ergeben, dass die Fassade eine "Gefahr für die Verkehrssicherheit“ darstelle.
 
 Stadträtin Sibyll Klotz (Grüne), die Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) vertritt, zeigte sich "entsetzt“ über die Arbeiten, gegen die sie "keine rechtliche Handhabe“ besitze. Sie hoffe jedoch, dass sich die WIR an eine im vergangenen Jahr mit dem Bezirk getroffene Verabredung hält. "Die Vereinbarung war, wenn Stuck noch einmal entfernt werden sollte, muss er wiederhergestellt werden“. Ob die WIR dieser Forderung im vollen Umfang nachkommen muss, wird das Gericht entscheiden.

 
 
 
Die Berliner Zeitung schreibt dazu:
 
Kahlschlag an Fassaden aus der Gründerzeit
Anwohner beklagen Sanierungspraxis der WIR SCHÖNEBERG.
Auf dem Bürgersteig zerteilen Männer mit Pressluftmeißeln große Stuckbrocken.

Die Wohnungsbaugesellschaft WIR macht Ernst und lässt von den Gründerzeithäusern Zietenstraße 15 und 17 die Verzierungen entfernen. "Dieser Kahlschlag ist nicht hinnehmbar", sagt Architekt Heinz Jiroud, der seit mehr als 15 Jahren in der Zietenstraße wohnt.

Schon im vergangenen Jahr hatte es Widerstand gegen die Sanierungspraxis der WIR gegeben. Das zum Gewobag-Konzern gehörende Unternehmen hatte an Häusern in der Zieten- und Schwerinstraße, die wie viele andere Gebäude im Sanierungsgebiet Bülowbogen in den 1980er-Jahren aufwändig in Stand gesetzt worden waren, Schmuckelemente entfernt und dies mit Sicherheitsgründen gerechtfertigt.

Anwohner erwirkten eine einstweilige Verfügung. Das Baugerüst aber blieb stehen. Dann gab es einen Kompromiss mit den Bezirksbehörden: Es solle kein Stuck mehr verschwinden. Müssen schadhafte Teile entfernt werden, werden für eine spätere Rekonstruktion Abgüsse von den Originalen gemacht.


Die WIR hat trotzdem Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung eingereicht, im April soll es zur Verhandlung vor dem Landgericht kommen. So lange wollte man wohl nicht warten. Gewobag-Sprecher Volker Hartig sagt: "Durch das Gerüst vor den Häusern wurde die Lebensqualität der Mieter beeinträchtigt. Weil es weg sollte, mussten wir die schadhaften Fassadenteile entfernen, damit es nicht zu Unfällen kommt." Es seien aber Abgüsse gefertigt worden, um spätere Rekonstruktionen zu ermöglichen, wenn das Gericht gegen die Gewobag entscheide.

Sozialstadträtin Sibyll Klotz (Grüne), die den erkrankten Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) vertritt, bedauert, "keine rechtliche Handhabe" gegen die Arbeiten zu haben. Die Häuser stehen nicht unter Denkmalschutz. Sie erwarte, dass sich die WIR an die Verabredungen halte. Die Grünen werden das Thema ins Bezirksparlament bringen, sagt Heinz Jiroud, der die Bündnisgrünen als Bürgerdeputierter im Stadtplanungsausschuss vertritt. "Wir regen einen Ensembleschutz für Häuser aus ehemaligen Sanierungsgebieten an."
 

Zurück zur Übersicht